living4family a little bit of this and a whole lot of that

Mittwoch, 5. Februar 2014

Drastische Pädagogik

Ich will von einer Begebenheit berichten, die uns alle doch sehr beschäftigt hat.
Ein Mädchen aus dem engen Freundeskreis des kleinen Kindes kennt sie aus dem Kindergarten, in der Schule sind die zwei nicht in einer gemeinsamen Klasse.
Trotzdem sind die beiden sehr eng miteinander befreundet. Sie treffen sich am Nachmittag, übernachten mal gegenseitig beieinander, wir waren mit den Eltern und den Kindern schon zu Walpurgisnachtfeiern oder auf dem Spielplatz, wir telefonieren ab und zu.

Am Freitagnachmittag vor dem Kindergeburtstag telefonierte ich noch mit dem Papa, weil die beiden zusammen zum Eislaufen wollten.

Freitagabend klingelt das Telefon nochmals und der Vater war wieder dran.
"Wir haben beschlossen, wegen anhaltender schulischer Probleme, schlechter Noten und allgemeinem Unwillen der Tochter, dass XYZ leider morgen nicht zur Kindergeburtstagsfeier kommen darf......."

Ich war perplex, mir blieb die Sprache weg. Es folgten noch ein paar Erklärungsversuche. Das kleine Kind stand neben mir und bekam schon mit, was Sache war und fing heftig an zu heulen.

Da saß ich nun. Das kleine Kind weinte und weinte. Der Mann war auf 180 und wäre am liebsten gleich zu den Eltern gefahren, um sich Luft zu machen.
In mir kroch auch der Ärger hoch. Erstens, fand ich es nicht in Ordnung, mein Kind in solche Erziehungsmaßnahmen einzubeziehen und leiden zu lassen. Zweitens kam ich nun auch in Erklärungsnotstand. Wie erkläre ich diese Situation einer Achtjährigen, wenn ich sie doch selbst nicht verstehe. Niemals im Leben wäre mir so eine Erziehungsmaßnahme in den Sinn gekommen. Für eine Zehntelsekunde kam mir die Idee, einfach zu sagen, die Freundin ist krank. Aber das verwarf ich ganz schnell. Ich versuchte es mit der weichgespülten Wahrheit und erntete nur den entsetzten Satz: "Aber Mama, du machst so etwas doch ganz bestimmt niemals mit mir?"

Nun habe ich aber in mehr als 40 Jahren Leben gelernt, mich mit schnellen Wertungen und Urteilen zurückzuhalten. Ich habe die Weisheit schließlich nicht mit Löffeln gefuttert.

Die Mutter kam am Samstagabend vorbei, um das Geschenk abzugeben. Sie war sichtlich nervös, ich bat sie herein und sie schüttete mir quasi ihr Herz aus.
Das Mädchen hat große Probleme in der Schule. Die Eltern kommen nicht klar damit, dass sie in denr zweiten Klasse schon so viele Vieren bekommen hat. Außerdem zeige das Kind auch keine Einsicht, schreibt nicht mit, will nicht üben und hat überhaupt so gar keine Lust auf Schule. Die Situation in der Klasse ist schwierig, in anderthalb Schuljahren schon die dritte Klassenlehrerin und auch die wird in Kürze wieder gehen. Hausaufgaben gäbe es grundsätzlich nicht, die Eltern wüssten nicht, was die Kinder gerade in der Schule so machen.

Ärger verspürte ich nicht mehr, mit tat die Mutter nur unheimlich leid. Die Aktion war einfach ein spontaner Anfall von totaler Hilflosigkeit gewesen.

Ansatzweise erinnert mich das kleine Mädchen an mein großes Kind.
Ich bin dankbar, dass ich immer ein absolutes und tiefes Urvertrauen in das große Kind hatte und immer geglaubt habe und glaube, dass er seinen Weg gehen wird, egal wie steinig er wird.
Und ich bin dankbar, dass das kleine Kind eine gute Klassengemeinschaft und eine super Lehrerin hat.
Ich bin dankbar, dass mir solche Maßnahmen nicht in den Sinn gekommen sind, weil ich ganz persönlich glaube, dass sie das Verhältnis zur Schule und zu den eigenen Eltern bestimmt nicht stärken.

Die Freundschaft unter den Mädels ist zum Glück ungetrübt, ich hoffe, sie können bald mal wieder gemeinsam etwas unternehmen.



Kommentare:

  1. Danke für's Teilen! Und ja, ich hoffe auch, dass mir dieses absolute Vertrauen in meine Kinder erhalten bleibt!
    Liebe Grüße, Sonja

    AntwortenLöschen
  2. oh man, wie schrecklich! auf so eine Idee würde ich im Leben nicht kommen!
    aber klar, in deinem weiteren Bericht wird dann deutlich, dass es einfach pure Hilflosigkeit und Überforderung war, die diese Idee hervorbrachte.
    armes Kind! bei der Schulsituation hätte ich auch nur mäßig Lust, etwas zu tun...
    um so wichtiger ist es, dass sie in deiner Kleinen eine so gute Freundin hat!

    liebe, nachdenkliche Grüße!
    sjoe

    AntwortenLöschen
  3. Leider habe ich auch ein paar Bekannte, die ihre Kinder so Strafen, dass meine weinen.
    Allerdings sage ich auch, wie ungerecht ich dass ggü meinen finde: so drfte ein Freund doch bei uns übernachten, eine Freundin aber nicht und die Mutter sagte glatt zu mir "das ist mir grad egal..." Blöde Kuh.
    Liebe Grüße, Petra

    AntwortenLöschen
  4. Ja, das Verhalten zeugt tatsächlich von großer Hilflosigkeit. Aber man kommt als Eltern sicher immer wieder in solche Situationen, wo man über das Ziel hinausschießt....ohne böse Absichten, denn man möchte ja nur das Beste für sein Kind (oh, was für ein abgedroschener Spruch). Der Vater wusste bestimmt in dem Moment, als der den Hörer aufgelegt hat, das es nicht richtig war....Es war natürlich sehr schade für Deine Tochter....Hoffentlich entschärft sich die Lage bald und die Mädels können Ihre Zeit wieder gemeinsam verbringen...
    Liebe Grüße, Ophelia

    AntwortenLöschen
  5. Es war natürlich sehr schade für Deine Tochter. Aber denkt auch mal jemand an das andere Mädchen.
    Für DIE war es schade. Was meint ihr, was DIE geheult hat!
    Hoffentlich ändert sich für das Mädchen bald etwas an ihrer Schulsituation.
    Da liegt ja wohl der Hase im Pfeffer.
    Gruß Miriam

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Miriam, du hast recht und glaub mir, wir haben andauernd an das Mädchen gedacht. Aber zwischen uns und der Familie ist eine Grenzlinie, die ich nicht so einfach überschreiten kann. Ich kann nur reagieren, nicht agieren, weil es eine persönliche Entscheidung der Eltern war, die ich so akzeptieren muss.
      Natürlich ist sehr oft das Schulsystem mit verantwortlich für die Hilflosigkeit von Kindern und Eltern, aber auch, wie ich zu meinem Kind stehe und welchen Stellenwert ich einer Schulnote einräume.

      Löschen
  6. Danke für diesen Post. Ja, man leidet mit - mit dem Kind, aber auch mit den Eltern. Man soll nicht in Problemen, sondern in Lösungen denken. Das ist nicht immer einfach. Vor allem gilt bei mir, dass die Konsequenz (nenne es niemals Strafe) immer mit der Situation direkt zu tun haben sollte. Einem 8-jährigen Kind kann kaum klar sein, was der Kindergeburtstag mit Schule zu tun hat. Das Kind ist sicher auch nicht glücklich über ihre Leistungen - nun sollen ihr auch noch die sozialen Kontakte entzogen werden? Man kann das Verhalten des Vaters nicht verurteilen, aber wenn ihr so gut befreundet seid, denkt doch mal gemeinsam über eine Lösung nach, dass die Schulnoten wieder besser werden. Zu allererst ist da ein Gespräch mit der Lehrerin erforderlich, die sicher Tipps geben kann. Man sollte versuchen, das Selbstvertrauen des Kindes zu stärken, indem es verpassten Schulstoff in angenehmer Atmosphäre nachholt - dann werden auch die Noten besser.
    Alles Liebe, Stephie

    AntwortenLöschen
  7. Ach Mensch, das tut einem ja richtig mit leid. Da kann man mal sehen, wie es eine ganze Familie belasten kann, wenn dank unseres Schulsystems so viel schief läuft. Das alles immer reibungslos läuft, ist sicher nicht zu verlangen, aber was das Mädchen da mitmachen muss, ist schon krass. Und die Eltern sind einfach auch nur überfordert. Sowas kann uns allen passieren.
    Hoffentlich bekommt die Familie bald alles auf die Reihe!
    Liebe Grüße
    Karoline

    AntwortenLöschen
  8. liebe Gretel, danke. Ich danke dafür, dass du versuchst zu verstehen, auch wenn es schwer fällt. Ich spüre eine große Hilflosigkeit auf allen Ebenen. Ratschläge, heißt es, sind manchmal auch nur Schläge, aber jetzt "rate" ich doch mal: eine gute Erziehungsberatung aufzusuchen, die Eltern und Kind behutsam aufnimmt. Ich kann mir gut vorstellen, dass viel dahinter steckt, was mit Hilfe eines Profis und diesem Blick von Aussen zum Besseren gewendet werden kann. Eine Familientherapeutin mit der ich im beruflichen Umfeld zu tun hatte und die ich sehr schätze sagte z.B. einmal: jedes Kind will es gut machen. Kein Kind will es schlecht machen. Wenn es doch so erscheint, ergänze ich, dann ist was faul. Aber nicht das Kind, sondern etwas an der Gesamtsituation ist aus der Balance geraten. Die Reaktion der Erwachsenen (Eltern) ist ebenso bockig wie verzweifelt. Ich wünsche sehr, dass es für die kleine Freundin deiner Tochter Hilfen gibt! - liebe Grüße, JULE

    AntwortenLöschen
  9. Heut mittag als ich den Post zum ersten Mal gelesen hatte konnte ich überhabpt nichts schreiben, weil ich mich so aufgeregt habe über so eine Massnahme...

    Das Kind kann nichts dafür, dass die Schule versagt... man mus dem Kind beibringen das lernen und zur Schule gehen Spaß macht... andere Klasse, andere Schule, andere Schulform, aber einen Kindergeburtstag streichen? Geht gar nciht für mich!

    lg

    Michaela

    AntwortenLöschen
  10. Eine Ursache liegt sicher auch in unserem Schulsystem, das die Kinder und Eltern schon in frühen Jahren so unter Druck setzt. Warum muss es sich schon so zeitig entscheiden, ob einer aufs Gymnasium darf oder nicht? Manche brauchen einfach etwas länger, um zu begreifen, wie sie in der Schule zurecht kommen. Da spreche ich aus Erfahrung mit unseren beiden Jungs. So drastische Erziehungsmaßnahmen, wie der Verbot des Kindergeburtstages, helfen da meist wenig.
    LG Sigrun

    AntwortenLöschen
  11. Niki6.2.14

    schule hin oder her. was wenn das kind nicht gut genug spitze tanzt oder der junge nicht genug tore beim fussball schiesst, hier ist doch ein grundsatzproblem aller eltern. herzlich niki

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das war mein Ansatz. Wie reagiere ich als Mutter/Vater, wenn mein Kind sich nicht nach meinem persönlichen Masterplan entwickelt.
      Unabhängig von Staat, System und Gesellschaft hinterfragen, was ich tue, wie ich damit umgehe. Und es geht auch um eine gewisse Fairness.
      Die Geschichte konnte ich nur aus meiner Sicht erzählen, als Denkansatz.

      Löschen
  12. Huhu Gretel,

    ohje, zweite Klasse und schon so ein Druck. Die armen Kinder, sie tun mir immer so leid. Zu so einer Überforderung der Eltern kann es da ganz schnell kommen und das ist wirklich schlimm. Ich hoffe das sie schnell Hilfe bekommen und es für die Kleine bald besser läuft.

    Lg

    Barbara

    AntwortenLöschen
  13. Mir tun immer die Kinder so leid....
    Jedenfalls wollte ich mich noch kurz bedanken - ohne dich hätte ich bis heute nicht gerafft, dass da bei mir was nicht stimmt auf der Seite - hoffe jetzt klappt es wieder:)

    AntwortenLöschen
  14. Nicht jedes Kind kann ein Genie sein ...
    Aber besonders das Problem mit den ständigen Lehrerwechseln sollte unbedingt mal angesprochen werden. Es ist die Grundschule!!! Wie kann man den Kleinen so etwas nur zumuten? Kinder brauchen Halt und kein Hin- und Hergeschubse ... unglaublich!

    Alles Liebe,
    Sonja

    AntwortenLöschen
  15. Liebe Gretel,
    Deine Geschichte kam mir so bekannt vor.
    Einmal aus der Sicht der anderen Mutter:
    Wenn man immer wieder Druck seitens der Schule bekommt gibt man den Druck irgendwann an sein Kind weiter. Stark zu bleiben und dem Druck zu widerstehen ist unendlich schwer. Die Norm gibt doch gerne Kinder vor die "funktionieren".
    Es hat eine Zeit gegeben, da hätte ich auch so gehandelt wie die andere Mutter. Nicht aus pädagogischer Sicht - nein. Nur aus Hilflosigkeit der Situation gegenüber.
    Heute sehe ich das so wie Du. Auch ich denke, dass es in keinster Weise von Erfolg gekrönt ist die sozialen Sicherheiten zu streichen nur weil die Schule nicht läuft.
    Vielleicht kannst Du der Mutter Mut machen zu hinterfragen warum das Kind sich so sperrt. Ich muss ehrlich zugeben, dass Lehrer sehr viel zerstören können. Sich sind auch nur Menschen, aber haben auch alle Fehler. Kinder sind dabei leider das schwächste Glied in der Kette.
    Ich habe 4 Kids, die alle Schule (genauso wie ich früher dachte) mehr als unnötig. Wir sind alle kreative Chaoten und das ist in der Schule nicht wirklich gefragt. Noch immer sind alle in der Schule und bei den beiden Kleinen habe ich erst die Grundschulzeit begonnen. Wir müssen auch durchhalten.
    Danke für Deine offene Geschichte, sie hat mich zum Weiterdenken angeregt.
    Ganz liebe Grüße Kirsten

    AntwortenLöschen