17-21 Globalewochendinge


Bestenfalls nutzt man einen Austausch mit Menschen von einem anderen Kontinent, um sich auf eine Metaebene einzulassen und seine Sichtweisen zu erweitern.

"Von oben" betrachtet, wirkt unser Leben hier komplett geregelt, geplant, einfach, problemlos, langweilig.

Strom aus der Steckdose, warmes Wasser aus dem Hahn, Auto vor der Haustür, Kühlschrank, Waschmaschine, Trockner, Gesetze und Regeln, mäßiges Temperament, nettes Wetter, gebändigte Natur - alles im mittleren grünen Bereich, Durchschnitt.

Ausraster (im positiven Sinne) erlebt man in Deutschland meistens nur beim Fußball und im Karneval. Letzteres funktioniert hier nicht, aber eine Fußballmannschaft mit berühmt berüchtigter, überdurchschnittlich aktiver Fangemeinde konnten wir anbieten.
Ich persönlich habe mich von meinem Heimatverein verabschiedet, weil mir das Gebaren so mancher Anhänger zu weit geht und ich unter Fußballkultur etwas anderes verstehe....

Trotzdem wollten wir unseren Indern mal so ein Erlebnis bieten. Und tatsächlich waren sie schon nach wenigen Minuten fasziniert und standen und klatschten und staunten im Hexenkessel unseres Stadions. Ich glaube, dass sie ihre Sichtweise auf uns hier auch noch einmal erweitern konnten.



Die zweite Woche war rundum schön (ja - wir gehen auf dem Zahnfleisch, aber das gehört dazu).
Inzwischen sind wir eine homogene Gemeinschaft, alle miteinander. Die deutschen und indischen Jugendlichen sind gemeinsam unterwegs und besuchen sich gegenseitig. Wir hatten hier schon so einige Jungs und Mädels im Haus. 

Letztens wurde für uns indisch gekocht. Das sah so aus, dass Yash Wasser kochte und mit indischen Fertiggerichten mischte :-)) Wir aßen Kichererbsensuppe und ein Curry mit Reis - very spicy. 
Der "Fortschritt" macht sich halt überall breit.

Überhaupt sehe ich das mit der Globalisierung jetzt auch nicht mehr so einseitig.
Kapitalismus und Globalisierung - viel gescholten. Aber mag es für uns hier im reichen Europa oft unnötig, überflüssig und furchteinflößend wirken, so bewirkt Globalisierung doch auch, dass sich Kinder und Jugendliche in der ganzen Welt immer mehr annähern können in Wohlstand und Bildung. In anderen Ländern sind unsere gut gemeinten Maßstäbe einfach nicht anwendbar.

Ich sehe mit ganz viel Freude, wie ähnlich sich die Kinder sind, wie sie sich verstehen, ähnliche Klamotten tragen, die gleiche Musik hören, kommunizieren - untereinander sind sie einfach offene junge Menschen, die gut miteinander können und auch wenig Vorbehalte haben.
Das ist für mich die Grundlage für den "Weltfrieden" - wenn man's denn mal richtig pathetisch ausdrücken will.
Unsere Gäste werden die Zukunft Indiens positiv mitbestimmen, da bin ich mir sicher.





All das beschäftigt mich natürlich auch und gerade im Zusammenhang mit den Ereignissen in Manchester. 
Es ist nicht zu leugnen, dass der Terror Früchte trägt. Da helfen auch keine Durchhaltephrasen a la "wir lassen uns unsere westliche Freiheit und Lebensweise nicht nehmen". Das große Kind fährt bald nach London und natürlich werden wir im Sommer auch wieder große Konzerte und Festivals besuchen. Aber die Unschuld im Kopf ist endgültig verschwunden. Mein Leben ist weitgehend gelebt, aber meine Kinder in diese Welt zu entlassen finde ich furchtbar.


Freitagsspruch:


Die Religion hat so viele Menschen böse gemacht, tut es noch und wird es immer tun.

Denis Diderot (1713 - 1784), französischer Philosoph der Aufklärung, Schriftsteller, Enzyklopädist, Literatur- und Kunsttheoretiker
Quelle: »Unterhaltung eines Philosophen mit der Marschallin von C.«


SCHÖNES WOCHENENDE!


Kommentare

  1. Seufz...Ja...vereintes Europa...Globalisierung...Die Welt könnte friedlich sein, wenn nicht immer wieder Anhänger von bestimmten Religionen meinen, die Welt damit terrorisieren zu müssen. Da hilft dann auch nicht noch mehr Integration...denn Integration kann niemals nur einseitig gelingen. Ich bin es so leid. Liebe Grüße.

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  2. ...ja die Deutschen und ihr Fußball, liebe Gretel,
    bei uns spielt er leider auch eine ziemlich große Rolle und ist oft -für mich viel zu oft- Tischgespräch...
    ich finde es gut, wenn die Jugendlichen aus so unterschiedlichen Kulturen sich so nah kennen lernen können, das schafft in jedem Fall Verbindung und Verständnis...

    wünsche dir ein schönes Wochenende,
    liebe Grüße Birgitt

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  3. Very spicy....da muss ich erstmal lachen. Ich staune, dass euer Inder überhaupt versucht hat zu kochen. In Indien müssen die Jungs das sicher gar nicht tun. So kenne ich das jedenfalls noch.
    Wir hatten so ein Erlebnis auch mal mit einer modernen Chinesin. Wir hatten uns schon auf traditionelles Chinese Food gefreut und dann war die erste entsetzte Frage zu mir: 'Where is your Microwave?' Ich habe nämlich keine. Und dann packte sie auch die Fertigtüten aus, die dann nur noch mit Wasser, Huhn oder Gemüse angereichert werden.
    Prima, dass sich die Kids so gut verstanden haben trotz der kulturellen Unterschiede. Ich denke, anders herum wäre es schwieriger.
    LG Sigrun

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  4. Diese Austauschprogramme sind immer wieder spannend - und sehr anstrengend. Über das indische Essen musste ich sehr lachen, vielleicht wäre es anders herum ähnlich gewesen.
    Ja, Religion kann Menschen böse machen, wenn sie von den Menschen als Mittel missbraucht wird. Das ist leider im Christentum nicht anders.
    Liebe Grüße
    Andrea

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