Über Kultur

Verlinkt zu Astrid  und ihrer Sammlung zur "Kultur", danke für die sehr anregenden und herausfordernden Monats-Themen!


Kultur (von lateinisch cultura ‚Bearbeitung‘, ‚Pflege‘, ‚Ackerbau‘) bezeichnet im weitesten Sinne alles, was der Mensch selbst gestaltend hervorbringt, im Unterschied zu der von ihm nicht geschaffenen und nicht veränderten Natur. Dagegen bezeichnet Helman mit Kultur einen engeren Begriff, nämlich ein System von Regeln und Gewohnheiten, die das Zusammenleben und Verhalten der Menschen leiten.
Nach der weitergefassten Definition sind Kulturleistungen alle formenden Umgestaltungen eines gegebenen Materials, wie in der Technik, der Landwirtschaft oder der bildenden Kunst, aber auch geistige Gebilde bzw. „Subkulturen“ wie MusikSprachenMoralReligionRechtWirtschaft und Wissenschaften.
Wikipedia

Meiner Meinung bemessen fast alle europäischen Länder ihrer Kultur, ihren Traditionen einen weitaus höheren Stellenwert zu, als wir Deutschen.
Und das stelle ich hier ganz wertfrei fest, ohne zu urteilen, ob das nun gut oder schlecht ist.
Nehmen wir Frankreich.
Wikipedia: Im Jahr 1994 wurde in Frankreich eine allgemeine Quote für den Anteil der französischen Musikproduktionen an der tagsüber zwischen 6.30 Uhr und 22.30 Uhr insgesamt gesendeten Musik eingeführt. Seitdem müssen mindestens 60 % der Sendezeit mit Produktionen europäischer Künstler bestritten werden, außerdem 40 % der Sendezeit mit Produktionen von französischen Künstlern. … Die Förderung der französischen Interpreten ist Teil einer Politik, die unter dem Schlagwort der l’exception culturelle française auch auf das Fernsehen und auf das Kino erstreckt wurde (le décret TASCA vom 17. Januar 1990).
Bei meinen Frankreichurlauben kam ich mit der englischen Sprache meist nicht wirklich weiter.
Für die Franzosen ist Französisch mit der allergrößten Selbstverständlichkeit ihre Sprache.
Nicht staatlich verordnet, aber praktisch ähnlich habe ich das in Italien erlebt.

Die Niederländer haben in ihrem Koalitionsvertrag gerade eine Rückbesinnung auf niederländische Werte festgeschrieben. Darum sollen Schulen verpflichtet werden, die Nationalhymne zu lehren und mit jedem Schüler mindestens einmal das Rijksmuseum, in dem auch Rembrandts Gemälde "Nachtwache" hängt, zu besuchen.

Spezialitäten aus dem Burgund

In Deutschland ist man mit Anglizismen nicht wirklich zimperlich, mittlerweile ist sogar der Duden voll davon.
Auch kulinarisch geht es in Deutschland ganz selbstverständlich viel internationaler zu, als anderswo in Europa. Die italienische Küche haben wir ja quasi schon eingebürgert. Das kann man im Umkehrschluss nicht sagen. So sehr wie ich internationale Restaurants als Bereicherung schätze, so sehr würde ich es auch vermissen, wenn Schweinebraten und Rinderrouladen gänzlich von der Speisekarte verschwänden.
Feste wie Halloween finden  ihren Platz in unserem Portfolio, im Gegenzug gehen wir ganz lässig damit um, dass St. Martin verbreitet zum Laternenfest wird.

Wie weit Gruppen für ihre nationale Kultur eintreten, kann man bei den Katalanen, den Basken, den Korsen, den Schotten oder den flämisch-wallonischen Konflikten sehen, davon ist Deutschland meilenweit entfernt.


Sizilianisches Marionettentheater

„Was immer wir in den neu geschaffenen europäischen Institutionen beschließen und durchzusetzen versuchen, Ziel ist und bleibt die Überwindung der Nationen und die Organisation eines nachnationalen Europas.“ (Walter Hallstein)

Das ist für die Mehrheit der Menschen in ganz Europa völlig unvorstellbar. Weil es eine komplette Negierung von eigener Geschichte und Kultur bedeutet. Kultur ist Identität. 

Walter Hallstein sagte aber auch:
„Als erste europäische Realität sieht unser Einigungswerk den europäischen Menschen, den Europäer als Einzelwesen, als Mitglied seiner Familie, als Angehörigen seiner Gemeinde, seiner Heimatregion. Daher ist den europäischen Gemeinschaften, die das Zusammenleben der europäischen Menschen neu und besser ordnen wollen, eine Verantwortung für wohlverstandene Regionalpolitik mitgegeben worden.“

Damit sind wir beim Begriff der regionalen Kultur - sich nicht deutsch, italienisch, spanisch  oder französisch zu fühlen, sondern als Andalusier, Sizilianer, Bayer, Burgunder und damit letztendlich im Großen als Europäer.



Sorbische Tracht

Fakt ist für mich, dass der Mensch an sich dringend seine eigene Kultur braucht -  zur Identifikation, als Zugehörigkeit, zur Selbstfindung, als Halt, als Fels in der Brandung. Und ich finde, das sollte man den Menschen auch unbedingt zugestehen. Wichtig ist dabei doch nur, dass man die eine Kultur nicht über die andere erhebt. Leben und leben lassen.

Ich glaube, dass durch die stetige Verdammung heimatlicher Gefühle und Traditionen und einer verordneten Gleichmacherei, nationalistische Gefühle erst herausgekitzelt werden - überall auf der Welt. Dogma erzeugt Widerstand.

Sollen die Leute doch mit Freude ihre Heimatfeste feiern, traditionelle Gerichte aus der Gegend kochen, alte Heimatdichter und –Denker wiederentdecken, Brauchtum pflegen, die typische Natur und Architektur erhalten, ihre Sprachen und Dialekte sprechen und gerne auch in der Schule lehren, kurzum - die eigene Kultur bewahren.
Wenn sie das ohne schlechtes Gewissen dürfen, warum sollten sie sich dann gegen andere Kulturen stellen?

Kultur muss den Menschen gehören und niemals Machthabern oder politischen und religiösen Strömungen.

Das schlimmste, was mir zum Wort Kultur einfällt, ist die Kulturrevolution.
In deren Namen haben 100 Millionen Menschen gelitten, bis zu 1,8 Millionen Menschen wurden getötet, ebenso viele trugen schwere körperliche Schäden davon und bis zu 30 Millionen Menschen wurden politisch verfolgt.
Und im freien kultivierten Westen malte man Mao-Portraits und trug Shirts mit dem Konterfei Maos.
Da wird Kultur ganz schnell zur Un-Kultur. Und wo bleibt da eigentlich die Erinnerungs-Kultur.
Überhaupt geht Kultur und Diktatur nicht zusammen – das zeigt die Geschichte leider schmerzvoll, besonders im Dritten Reich, aber auch in allen folgenden Diktaturen.

Mein persönliches Verhältnis zur Kultur kann man sehr knapp zusammenfassen.
Ich liebe alles Schöne und suche mir gerne das Beste aus vielen Kulturen heraus. Kultur ist eben auch Geschmackssache.

Nichts gegen Mozart, aber in italienischen Opern ist mehr Lametta,
Sauerbraten ist sicher lecker, aber die Pasta zergeht mir leichter auf der Zunge,
Goethe ist mir unsympathisch, der ging zum Lachen bestimmt in den Keller,
dafür gibt es nichts Großartigeres als das deutsche Weihnachtsfest und gewisse Gedichte von deutschen Dichtern, aber ebenso von Englischen,
Engel sind wunderbare Geschöpfe, aber ich hab's auch mit dem Karma und beruhige mich beim Anblick einer Buddhafigur,
ich bin froh über die Errungenschaften deutscher Wissenschaftler und aller anderen auch.

Nun habe ich nicht direkt über unsere Kultur geschrieben, sondern das, was mir allgemein zum Begriff Kultur einfiel. Für mich ist Kultur bunt und entwickelt sich durch viele Einflüsse immer weiter und trotzdem sollte auch gewachsene Kultur erhalten und gelebt werden.

Darum gibt's noch ein wenig indische Kultur dazu, frisch vom Handy :-)















Kommentare

  1. Liebe Gretel,
    da ich gleich in die Schule darf ;-) kann ich nicht viel schreiben.
    Dein Post ist auf jeden Fall toll und regt mich sehr zum Nachdenken an.
    Ich ergänze nur noch schnell:
    In Bayern müssen die Kinder in der dritten und vierten Klasse
    auch die deutsche Nationalhymne und die Bayernhymne auswendig können ;-)
    Ganz liebe Grüße
    Melanie

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  2. Suuuuper Post, gut geschrieben. Wunderbar.
    ...und jaaaa, in italienischen Opern ist mehr Lametta.

    Lieben Gruß Eva

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  3. Da holst du ja weit aus! Lustig ist für mich, was du zu Frankreich schreibst, bin ich da ja familiär verbandelt.
    Und wir haben zuletzt auch vor meinem Post darüber diskutiert: Diese totale Vereinheitlichung wird nicht unbedingt von allen Franzosen als Glücksgriff empfunden. Am Beispiel Spanien sieht man ja ganz aktuell, was daraus werden kann: Streit, Zwietracht, Misstrauen, Unterstellungen usw. ( oder wie dann im Osten: Da wird ein Landstrich annektiert, weil die eigene Minderheit dort sich gefährdet sieht ).
    Unterschiede leben lassen, Synergien bilden! Ich kann ganz gut damit leben & finde meine Identität, ohne das Betonen von Nationalismen, indem ich im sozialen Alltag tiefe Differenzen zulasse und überbrücke. Ich habe mir das als Kind nicht ausgesucht, entwurzelt zu werden, aber daraus auch eine gewisse Stärke & Individualität gewonnen. Andere können nicht ohne "Wir"-Identität leben, aber denen will ich es ja auch nicht wegnehmen! Aber auch nicht von jenen unter Druck gesetzt werden mit einem Alleinvertretungsanspruch.
    Mit das übelste Beispiel für einen solchen Konformitätsdruck hast du ja genannt ( und meine Meinung zu Kultur als Waffe kennst du ja ).
    Deine Meinung zu Mozart & Goethe teile ich nicht, muss aber auch nicht sein - da bin ich vielleicht viel deutscher als du :-D
    Danke fürs Mitmachen! Dazu haben offensichtlich nicht allzu viele Mut... Das nächste Thema ist anders gefährlich...;-)
    Herzlihst
    Astrid

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  4. Da steckt so viel Wahres drin. Vor allem, dass man nicht alles an seiner Kultur mögen muss, man kann auch eklektisch sein. Ich liebe den rheinischen Dialekt, Beethoven (war ja ein Rheinländer) und das Maibaum stellen, finde Karneval doof und mit dem typisch rheinischen Spezialitäten kann man mich jagen. Man entwickelt mit der Zeit seine ganz eigene Kultur :-).
    Danke für diesen schönen Beitrag.
    Liebe Grüße
    Leni

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  5. AUF DEN PUNKT GEBRACHT. Danke. Liebe Grüße.

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  6. Sehr schöner, pointierter Artikel. Als ich noch in Deutschland lebte, habe ich mich auch immer mehr als Ostwestfälin gesehen. War nicht so ernst, eher so ein"über sich selbst lachen können". Je näher man dran ist, desto augenfälliger werden die Unterschiede und die Vielfältigkeit. Hier im Ausland bin ich einfach "die Deutsche", hier schert man sich nicht um die Differenzen zwischen Bayern und Friesen oder Sachsen und Rheinländern. Liebe Grüsse Maren

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  7. Danke für die interessanten Gedanken zu diesem spannenden Thema. Im Mittelpunkt Europas, einem Land, durch das schon immer viele Handelswege führten, hat sich so manches angesammelt, was sich unsere Vorfahren kulturell "einverleibt" haben. Ich mag das Ergebnis in all den unterschiedlichen landschaftlichen Ausprägungen.
    Meist merkt man ja eher in Ausnahmesituationen, was einem an der eigenen Kultur wirklich wichtig ist. Das sehe ich z.B. an meiner mittleren Tochter, die jetzt in USA lebt.
    Liebe Grüße
    Andrea
    P.S. ich hoffe, dass es Deinem Sohn wieder besser geht und er wohlbehalten und hungrig bald wieder heimkehrt

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