Gedächtnislücken, lange Reise und nur die halbe Wahrheit

Ehrlich gesagt, weiß ich nicht mehr genau wann, wo, wie und mit wem ich die Nachricht der bröckelnden Mauer erfahren habe.

Aber heute vor 25 Jahren machte ich eine anstrengende Reise.
Wir waren eine Clique von jungen Ex-Dresdnern, die alle in Karlsruhe gestrandet waren. (Wir hatten im Sommer ein paar Kumpels über Ungarn geholt - aber das ist wieder eine andere Geschichte.)

Also zwängten sich 5 Leute in ein altes kleines Auto und wollten die alte Heimat und zurückgebliebene Verwandte und Freunde spontan besuchen. Schließlich war ja die Mauer offen.

Wir machten uns auf den Weg nach Herleshausen.

Nur einer von uns hatte einen Führerschein, es gab keine Navigationssysteme - wir brauchten lange für die knapp 350 km. Die Aufregung war groß, auch die Angst.

An der Grenze war die Reise für uns überraschender Weise erst einmal beendet.
Der Zollbeamte informierte uns darüber, dass die Grenze zwar von Ost nach West offen sei. Bundesbürger zur Einreise in die DDR allerdings nach wie vor ein gültiges Visum bräuchten.
Wir waren fassungslos.
Das geflügelte Wort von den offenen Grenzen ist also nur die halbe Wahrheit gewesen.

Man gab uns den Tipp, nach West-Berlin zu fahren, um dort mit einem 24 Stunden-Visum. was man sich direkt ausstellen lassen konnte, in die DDR einzureisen.

Nun hatten wir uns aufgerafft und waren weit gekommen. Das Unterfangen so leicht aufzugeben, kam nicht infrage.

Keiner von uns war jemals zuvor in West-Berlin. Wir fuhren einfach los, später über die Transit-Strecke und haben die nächsten knapp 400 km irgendwie geschafft. Langsam schwanden die Kräfte.
Berlin war bunt laut und voll. Meine Erinnerungen sind sehr lückenhaft, ich denke, wir litten alle extrem unter Schlafmangel, Herzrasen und Reizüberflutung.

Schließlich hielten wir unser Tagesvisum in den Händen, zahlten unsere 25 Mark Zwangsumtausch und befuhren den Boden der DDR - weiter nach Dresden.
Da es kein Handy gab und die wenigsten einen Telefonanschluss besaßen, standen wir einfach vor der Tür. Ich erinnere mich an blauen Himmel und Sonnenschein.

Nach 24 Stunden mussten wir zurück in Westberlin sein. Ich glaube, wir fuhren recht flott und mit einer gewissen Panik, es nicht mehr rechtzeitig zu schaffen.

Auf einer Raststätte gab es viel Kaffee und ein wenig Ruhe, bevor es nach Hause ging. Unser neues Zuhause in Karlsruhe.


Quelle: Übertragung der Feierlichkeiten zu 25 Jahre Mauerfall in der A*R*D



Kommt gut in eine neue Woche!





Kommentare

  1. Das ist ja sehr interessant, Gretel. Dann warst du also schon vor der Maueröffnung auf der anderen Seite.
    Ich erinnere mich auch noch sehr gut an meine Zeit. Ich hab gerade studiert und hörte im Wohnheim (neben dem Bahnhof) davon, dass auf dem Bahnhof die Hölle los sei und Züge in Richtung Ungarn mit Wasserwerfern beschossen wurden. In dem Alter denkt man sich nichts dabei, ich bin trotz Panik hingegangen und dann stand ich mitten in der Demo und ringsum brannten die LKW's. Wow, was für eine Zeit das war!

    Liebe Grüße Sigrun

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    1. Ja, ich habe einen Tag nach meinem 18. Geburtstag einen Ausreiseantrag gestellt, der im Mai 1989 genehmigt wurde, nach einer feierlichen Aberkennung der Staatsbürgerschaft und dem Entzug des Personalausweises durfte ich in einen Zug nach irgendwo steigen. Mein Vater lebte schon seit 1982 im Westen.

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  2. Hallo Gretel!
    Wie viele Geschichten, wie viele Schicksale! Und das alles ist schon 25 Jahre her.....Wie schön, dass wir Dich auf Deiner ersten Fahrt begleiten durften, an einem Tag, der für Millionen von Menschen ein Start in ein neues Leben wurde. Und die ganze Fahrt ohne Handy und Navi..... Kann man sich heute fast nicht mehr vorstellen....aber man ist auch so ans Ziel gekommen, manchmal vielleicht mit kleinen Umwegen....
    Ich wünsche Dir einen schöne Woche, Ophelia

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  3. Sehr interessant! Ich war beim Mauerfall erst 12, aber ich erinnere mich irgendwie, dass ich fasziniert vor dem Radio in der Kueche sass und die Nachrichten verfolgte.
    Liebe Gruesse,
    Rahel

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  4. Schön, Deine Geschichte. Ich kann mich auch noch sehr gut an die Stimmung erinnern. Ich lebte damals in Ratzeburg (dicht an der ehemaligen Grenze), durch das sich alle Autos, die aus dem Osten kamen hindurch schlängeln mussten. Da sowieso fast die ganze Zeit Stau war, hatten wir genug Zeit, einfach Hände zu schütteln und auch kleine Geschenke in die Autos zu reichen...

    Herzliche Grüße,
    Maike

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  5. Interessant Deine Geschichte zu hören... ich kann mich nur erinnern, dass ich mit meiner mutter vor dem Fernseher saß und mit staunenden Augen die Bilder betrachtet haben!...

    lg

    Michaela

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  6. ...damals warst du also in Karlsruhe und ich in Dresden, liebe Gretel,
    und heute ist es umgekehrt...da sind wir wohl irgendwann aneinander vorbei gezogen ;-)...na jedenfalls wohne ich jetzt ganz nah bei Karlsruhe...im Tal der Ahnungslosen habe ich die Maueröffnung erst am 10.11. mitbekommen, weil ich keinen Fernseher hatte und meist Schallplatten gehört habe, so wunderten sich am nächsten Morgen Kollegen, dass ich ganz ahnungslos war...

    lieber Gruß Birgitt

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  7. Hallo Gretel, hast du deinen Umbau gut überstanden? Schön ..... :-)
    Ich war zu diesem Zeitpunkt im Ural an der Erdgastrasse arbeiten und bekam alles nicht so richtig mit. Erst am 4. Dezember durfte ich nach Hause fliegen ... tse ... sie wollten uns nicht gehen lassen und dann war aus die Maus. Aus mit Arbeiten an der Trasse ...
    alles Andere und weiter wäre mal eine schöne Geschichte zum Aufschreiben.
    Sei lieb gegrüßt und gedrückt Heike.

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  8. Also wenn es nicht eigentlich traurig wäre, könnte ich ja jetzt glatt darüber Tränen lachen...dass ihr ein Visum damals gebraucht habt, um in die DDR zu reisen, während die DDR Bürger einfach in den Westen konnten...Eine aufregende Zeit damals, die ich am 9.11. am Fernseher erlebt habe..LG Lotta.

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  9. Ich finde es unglaublich spannend "Mauerfall"-Geschichten zuhören. Fast Jeder hat etwas Unglaubliches oder zumindest Unterhaltsames zu erzählen. Oder IRGENDWAS zu erzählen. Ich leider nicht. Der Tag ist mir (mit knapp 8 Jahren) nicht im Gedächtnis geblieben. Wie gesagt: um so schöner, wen andere Menschen eine prägenden 9.11. 1989 hatten.
    Liebe Grüße
    Leni

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  10. ... ich werd´ verrückt - ihr hattet vielleicht Ideen - mir ist bisher von keiner anderen Stelle bekannt geworden, dass es noch Gleichgesinnte wie euch gab ... :-)
    Coole Idee, tolle Geschichte, danke fürs erzählen, bin ganz platt ...
    Liebe Grüße - Monika - die in der Küche am Radio stand und einfach nur geheult hat ...

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  11. Gott sei Dank haste das Beste aus Karlsruhe mitgenommen und bist wieder in der alten Heimat :)

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  12. Und immer wieder neue Ost - West Geschichten!


    Gruß!
    ♥ Franka 3

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