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Samstag, 3. Oktober 2015

Geschichte

Im Mai 1989 reiste ich nach Aberkennung der DDR-Staatsbürgerschaft offiziell mit einer Entourage von Koffern mit einem Zug vom Dresdner Hauptbahnhof Richtung Westen. Umsteigen in Hof, weiter nach Stuttgart, wo mich mein Vater abholte. 

Ich war 18 Jahre. Meine Erinnerungen sind schemenhaft. Schade, dass ich diese Gefühle in dem Zug – Angst, Freude, Hoffnung – nicht mehr abrufen kann. Die Passkontrolle an der Grenze war sicherlich der schlimmste Augenblick.  Etwas seltsam, dass die ersten Westdeutschen wohl vom BND waren, sie stellten mir ruhig und freundlich ein paar Fragen. Verstehe ich gut. 
Irgendwo habe ich noch die Zugfahrkarte.

Ich bin ein Einzelkind. Meine Mutter blieb alleine in Dresden zurück,ungewiss, ob sie jemals irgendwie an meinem Leben teilhaben könnte. Das wollte sie nicht.

So stellte sie für den Juli einen Antrag zum Besuch des 70. Geburtstages ihrer Tante in Köln mit dem Ziel, nicht mehr nach Hause zurückzukehren.

Meine Mutter war 46 Jahre alt, hatte eine tolle Arbeit, eine schnuckelige Wohnung, sie hatte sich eine kleine schöne Parallelwelt geschaffen. Es lag ihr eigentlich fern, das zu ändern.

Die Wahrscheinlichkeit, dass der Besuch genehmigt werden würde tendierte gegen Null, mit der einzigen Tochter im Westen.
Also galt es, die Aktion sehr gut vorzubereiten.
Sie buchte für den August einen Urlaub ans Schwarze Meer, damit es so aussah, als hätte sie Pläne für nach der BRD-Reise. Ihr Chef musste für sie bürgen.

Glück gehabt: Die Reise wurde genehmigt.

Wenn  sie ein paar persönliche Dinge retten wollte, dann brauchte sie einen Verbündeten.
Sie vertraute sich einer Freundin an. Das war der gefährlichste Knackpunkt – ein Lotteriespiel.
Die Chancen standen 50 : 50. Entweder, die Freundin würde sie verraten und meine Mutter wohl im Gefängnis landen oder …

Glück gehabt: Sie war wirklich eine Freundin und riskierte selbst eine Menge

Sie übergab der Frau ihren Wohnungsschlüssel und als meine Mutter abgereist war, fing die Freundin damit an, möglichst unauffällig jeden Tag unter dem Motto „Blumen gießen“  persönliche Stücke wie Schmuck, Bücher, Bilder, Keramik und Porzellan und sogar ein paar kleine antike Möbel aus der Wohnung zu holen. 
Später wird die Wohnung von den Behörden versiegelt werden.

Glück gehabt: Niemand beobachtete sie dabei, oder wenigstens niemand, der Meldung machte….

Meiner Mutter war 46 Jahre alt, ließ ihre Arbeit, ihre Freunde, ihre Eltern, ihre Schwester, ihre Wohnung – ihr ganzes Leben zurück.

Ich fuhr zu ihr nach Köln.

Nur kurze Zeit später war alles anders.

Glück gehabt: Sie bekam von ihrer Freundin nach der Wende ihre persönlichen Sachen zurück. Sie fand eine gute Arbeitsstelle im Öffentlichen Dienst, viele neue Freunde, ein neues Zuhause.


25 Jahre Wiedervereinigung GLÜCK(-WUNSCH)!


Kommentare:

  1. Hallo liebe Gretel
    Mensch, so viele schwere Entscheidungen, die viele damals zu treffen hatten. Der Wunsch nach Freiheit mit der Gefahr, seine Lieben nicht mehr wiedersehen zu können, Wahnsinn. Ich wünsch Dir alles Gute, Petra

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  2. Oh ja...eine bewegende Zeit...ich kann mich lebhaft erinnern...;-). LG Lotta.

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  3. Wenn man die Geschichte selbst so hautnah miterlebt hat, wird man auch einen ganz anderen Blickwinkel auf viele Dinge haben, Ihr habt sozusagen selber Geschichte geschrieben oder mit geschrieben. Die Hauptsache ist, dass sich für Euch alles zum Guten gewendet hat, Ihr glücklich und zufrieden seid.....
    Schönes Wochenende, Ophelia

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  4. Oh Gretelchen... soviel Glück. Und schön, dass alles anders geworden bist und ihr am Ende wieder hier seid und wir uns gefunden haben... So ein Glück! Wir dürfen nie vergessen, was wir alles haben. Wir alle.
    Sei umärmelt, Deine Rike

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  5. was für eine Geschichte! da hat die Wende noch mal eine ganz andere Bedeutung.
    ich bin froh, dass ich alt genug bin, um den Unterschied von vorher und nachher schätzen zu können, auch wenn ich als Wessi eher Zuschauer (abgesehen von 2 Transitreisen, eine davon sehr spannend) war.

    GLG
    sjoe

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